Kann man Gedichte illustrieren? Klar!

Bürgerstiftung Weinheim veröffentlicht Gedichtband „Augenblick“ – Bebilderung übernahmen Schüler des Heisenberg-Gymnasiums

20.07.2017 Rhein-Neckar-Zeitung
Von Günther Grosch

Weinheim. Mit einem Porträt des Stifterehepaars Gudrun und Karl Heinz Maiwald hatte der belletristisch-literarische Aufbau der kleinen, aber feinen Bürgerstiftungs-Bibliothek 2014 begonnen. 2015 folgten Geschichten um eines der Wahrzeichen Weinheims, des „Roten
Turms“. Den 2016 veröffentlichten Erzählungen um „Weinheims Alten Friedhof“ an der Peterskirche als „Park der Erinnerung“ ist jetzt ein weiteres literarisches Kleinod gefolgt: Eine Anthologie von 21 Gedichten für den „Augenblick“, ausgewählt, begleitet und kommentiert
von Hans-Joachim Gelberg und angereichert mit Bildern von 20 Schülern der Kunst-Grund-, Neigungs- und Leistungskurse aus dem Werner-Heisenberg-Gymnasium.

„Buchstaben und Wörter sind schön. Aber wenn auch noch die passenden Bilder dazukommen, wird alles noch viel schöner“, lobte der Vorsitzende der Bürgerstiftung, Adalbert Knapp, bei der Vorstellung des 88 Seiten starken, im „Verlag Regionalkultur“ erschienen Bändchens die „Maler und Zeichner“ und deren Kunstpädagogen Anke Krause und Rosemarie Reusch. Jedes Buch sei eine Welt für sich, das die Leser zu einer Reise einlädt, so Andrea Sitzler vom „Verlag Regionalkultur“ bei der Übergabe der ersten Exemplare. In jedem Buch fänden „geistig-inhaltliche und psychische Welten“ zusammen. In diesem Fall komme noch ein Drittes hinzu:„Die Welt der Lyrik und der bildenden Kunst treffen sich und ergänzen sich in einem Buch, das viele Welten in sich trägt.“

Seit gut fünf Jahren habe er regelmäßig für die von der Bürgerstiftung herausgegebene digitale „Stifterpost“ ein Gedicht ausgewählt. „In Ruhe und der Ahnungslosigkeit davon, dass daraus einmal eine Anthologie entstehen sollte“, so Gelberg als langjähriger „Hauslektor“
und Herausgeber von Kinder- und Jugendliteratur im Weinheimer Verlag Beltz & Gelberg. Gedichte seien in unserem digitalen Zeitalter schwierig zu lesen, bedauerte der 86-Jährige. Wer sich aber darauf einlasse, „bekommt etwas zurück“. Auch er lobte die 80 beteiligten
Kunstschüler. Die Aussage, Gedichte könne man nicht illustrieren, halte er für zu hochmütig. Gedichte könnten sehr wohl bebildert werden, „wenn man dem Gedicht in der Wechselbeziehung zwischen Gedicht, Leser und Künstler seine eigenen Empfindungen zurückgibt und herausfindet, was einem selbst und dem Gedicht wichtig ist“.

Für die Schüler sei die Auseinandersetzung mit den Gedichten und deren Bebilderung eine willkommene Unterbrechung des „normalen“ Schulalltags gewesen, so Reusch und Krause. Der Auftrag habe ihnen die Möglichkeit eröffnet, ohne jegliche Vorgabe von Technik oder
Inhalt individuell an die Sache heranzugehen und eigene Ideen umzusetzen.„Die bildnerische Interpretation von Lyrik ist ein anspruchsvolles Unterfangen“, so Krause. Ihre anfängliche Skepsis, „ob das angesichts des zu erfüllenden hohen Anspruchs gut gehen kann“, sei schnell Begeisterung gewichen. Von dem titelgebenden dreizeiligen „Haiku“ von Josef Guggenmos „Rätsel Augenblick“ über Erich Frieds „Du liebe Zeit“,Wolfdietrich Schnurres „Wahrheit“ und Andreas Gryphius „Betrachtung der Zeit“ bis hin zu Rose Ausländers „Versöhnung“ und Bertolt Brechts „Lied von der Moldau“ reicht das Spektrum.

Gelberg ließ es sich nicht nehmen, sie alle in der von ihm eigenen, in den Bann ziehenden interpretatorischen Art und Weise vorzutragen. Birgit und Bernand Rummel umrahmten die Veranstaltung mit Liedern von Django Reinhard und Franz Josef Degenhardt („Ach wie gut, dass niemand weiß“) musikalisch. Namentlich nicht unerwähnt bleiben sollen die „Künstler aus der Heisenberg-
Malkolonie“: Carina Adler, Mayara de Angelo Schmidt, Sarah Bernd, Sophie Suzanne Bleimling, Jana Eikermann, Lennart Frede, Nadine Funder, Amanda Carlotta Geier, Leana Kaus, Mira Lippuner, Altina Malaj, Kyra Menges, Amelie Rhein, Marta Ruter Pérez, Sophie Charlotte Sauer, Romina Schreckenber-ger, Sophia Schröder, Sebastian Stein, Julia Wang und Karen Wiegand.

Info:
Bürgerstiftung Weinheim, „Augenblick“ – Gedichte; Verlag Regionalkultur; 88 Seiten mit 20 farbigen Abbildungen, ISBN 978-3-95505-028-3; Preis: 11,90 Euro.