Ära des unkontrollierten Aufruhrs

Ära des unkontrollierten AufruhrsTheaterinszenierung von "Räuber.Aufruhr" am Werner-Heisenberg-Gymnasium


Weinheimer Nachrichten 17.05.2018

einheim. Manchmal kann eine Figur nur noch von Mitleid begleitet abtreten. Franz windet sich. Von seinen Dämonen heimgesucht, von schlechtem Gewissen durchgeschüttelt steht er am Rand der Bühne. Und er hat nichts, nur sehr viel verloren. Zu spät bemerkt Franz, dass seine Intrige gegen Bruder Karl und den eigenen Vater ihm letztlich keine Genugtuung von Dauer verschaffen konnte. Was dem vorausging, kann man sich ausmalen: Ohnmacht und Hass, Begehren und Verzehren, wohin man auch blickt.

Zurück bleibt ein beeindrucktes Publikum, seelisch gereinigt und freigiebig, was das Mitleid betrifft. Die Vorlage für das Emotionschaos, das am Dienstagabend in der Aula des Werner-Heisenberg-Gymnasiums zwei Stunden die Bühne beherrschte, ist 200 Jahre alt: „Die Räuber“ von Friedrich Schiller.

Das Drama war seinerzeit skandalträchtig, deswegen ein Erfolg und heute zu Recht ein Klassiker. Nur was soll man mit dem Stoff im Jahr 2018 anfangen? Eine krachend gegen den Strich gebürstete Schiller-Inszenierung, die mit Text-Geschwurbel auf Provokation baut? Oder ein detailversessener Aufguss, der auf Wissensvermittlung zielt?

Die WHG-Akteure vor und hinter der Bühne, zusammengeführt unter der Regie von Rieke Eichner und Christian Maul, entschieden sich für weder noch. Es war eine Adaption von Klaus Opilik, die dem Original nur auszugsweise gerecht werden wollte, ansonsten auf höchst treffende Weise von tollen Jungschauspielern und vor allem von dem Know-how der Technik-AG unter der Leitung von Simon Maier und Günter Ochs in die Moderne transportiert wurde. Angeführt von einem leidenschaftlichen Appell für Menschwürde und Moral ging es gegen Kapitalismus, gegen Massentierhaltung und gegen die skrupellose Politik der „faltigen Hände“.

Die Ära des Aufruhrs war eingeläutet. Dass dieser Aufruhr, so hehr die Ziele auch sein mögen, leicht außer Kontrolle und ins Radikale abgleiten kann, wurde dem Publikum – die Premiere war restlos ausverkauft – eindrücklich nahegebracht. Emotionsgeladen brüllten die Aufrührer ihre Verzweiflung in die Welt.

Dabei, und das ist ein besonderes Verdienst der Aufführung, mussten die Akteure keine Politik-Charaktere oder Wirtschaftsbosse explizieren. Die Plattform wurde anders genutzt. So konnte die Inszenierung ganz auf seine minimalistische, in schwarz gehaltene Kulisse (Bühnenbau: David Matuschek) und eine ellenlange Projektionsfläche vertrauen, auf der geschickt mit den Mitteln der Videotechnik gearbeitet wurde. Medienkunst in Form von Clips wurde hier als Mittel zum Zweck verstanden, Emotionen großflächig aufzutragen.

Die Figur des Vaters (Simon Dyckhoff) wurde gänzlich auf die Leinwand verlagert. Nur das fahle Gesicht des alten Moors, hier als Sinnbild für skrupelloses Großkapital, blickte mit all seiner Tragik herab. Heiligt der Zweck die Mittel? Schweine aus einem Massenbetrieb zu befreien ist eine Sache, um sich für mehr Tierwohl zu engagieren. Aber muss man gleich den Store eines Technologiekonzerns in die Luft jagen, um sich von der eigenen Ohnmacht zu befreien und von denen da oben endlich ernst genommen zu werden? Karl (souverän verkörpert von Joshua Schubert), das Hassobjekt von Bruder Franz (Matthias Volz), ist dagegen. Sein Protest gegen das Unrecht der Welt greift anfangs auf gemäßigte Mittel zurück. Das aufrührerische Handeln widerfährt ihm nur widerwillig und durch die Schubkraft eines fingierten Briefs.

Sein Gegenpart im Räuber-Ensemble namens Spiegelberg (Marta Fischer) hingegen hat eine andere Vision: „no risk no fun“. Spiegelberg entscheidet sich für den Untergrund. Aggression, der jede Steuerung abhanden gekommen ist, dominiert die Szenerie.

Das Radikale wurde von Marta Fischer brillant verkörpert. Ihr Gesicht verzerrte sich, ihre Augen waren starr auf Gewalt fokussiert. Die Unbelehrbarkeit hat die jungen Gymnasiastin ihrer Figur konsequent ins Gesicht gezeichnet. Ihre gespielte Wut traf und manövrierte sie in den Mittelpunkt. Bleiben die Figuren im Elternhaus: Karls Geliebte Amalia (Charlotte Roth, mit schönem Gesangspart), versteht sich vortrefflich aufs Zusammenfalten von übergroßen Unterhosen. Ihre Gesinnung war wohl bewusst nur grob nuanciert herausgearbeitet, sondern ganz auf ihren geliebten Karl ausgerichtet. Für Zerstreuung in der Karl-freien Zone sorgen ihre konsumorientierten Freundinnen (Sarah-Michelle Gröger, Emili Radoske, Amelie Rhein mit beatlastiger Aerobic-Einlage).

Selin Oenal, in der sprachlich äußerst gelungen ausgestalteten Rolle als Hermine, unterstützt Franz, um ans Erbe zu gelangen. Mit Lust am durchtriebenen Spiel brachte sich Selin als der eigentliche Motor der Intrige in Gang. Bis zu welchem Grad heiligt der Zweck die Mittel? Diese Frage konnte auch der Schlussdialog zwischen Karl und Spiegelberg nicht eindeutig klären. Um Lösung bemüht, suchten sie den Regler, den man einstellen kann, um die Grenzen moralisch angereicherten Handelns aufzuzeigen. Sie skizzierten das Gewicht an Protest, das nötig wird, um Änderungen zu bewirken im Großen und Ganzen oder im Kleinen.

Letztlich geschieht, wie es Karl auf den Punkt bringt, das meiste aus rein persönlichen Motiven, einerlei wo – ob an der Macht, im Untergrund oder im friedlichen Protest. Das Publikum war davon sichtlich beeindruckt. groe